Lenas Erfahrungsbericht

"FBT hat uns noch enger zusammengeschweißt"

Wie Lena mit Unterstützung ihrer Familie und der FIAT-Studie einen Weg aus der Anorexia nervosa fand

Anorexia nervosa ist eine schwere psychische Erkrankung, die oft schleichend beginnt und für Betroffene und ihre Familien schnell zur Ausnahmesituation werden kann. In Deutschland werden schwer erkrankte Jugendliche häufig stationär in spezialisierten Kliniken behandelt. Parallel dazu wird derzeit auch ein anderer Ansatz untersucht: die Familien-Basierte Therapie (FBT), bei der Eltern eng in den Genesungsprozess eingebunden werden.
Lena hat die FBT vor drei Jahren gemeinsam mit ihrer Familie durchlaufen. Heute ist sie 19 Jahre alt. Sie hat ihr Abitur geschafft, lebt zu Hause und sagt offen: Ganz verschwunden ist die Essstörung nicht. Aber vieles ist heute besser als damals.

 

Der Beginn: zunächst unauffällig

Wann genau alles begann, kann Lena bis heute nicht sagen.
„Ich finde, man kann nicht so direkt einen Startpunkt nennen, weil das alles so ein schleichender Prozess ist“, sagt sie.
Rückblickend erkennt sie jedoch mehrere Veränderungen. Ende 2022 begann sie, auf Süßigkeiten zu verzichten und stellte ihre Ernährung auf vegetarisch um. Zunächst wirkte das harmlos.
Doch langsam veränderte sich ihr Alltag. Neben der Leichtathletik auf Leistungssportniveau machte Lena zusätzliche Workouts und Krafttraining – selbst an Tagen, an denen sie eigentlich keine Energie mehr hatte.

Im Frühjahr 2023 wurde sie auffallend häufig krank. Heute vermutet sie, dass ihr Körper bereits geschwächt war. Gleichzeitig schränkte sie ihre Ernährung immer stärker ein – vor allem Kohlenhydrate und Fette, während Proteine zunehmend im Mittelpunkt standen.

Lange gab Lena diese Entwicklung ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit – bis ihr klar wurde, dass sie die Kontrolle verloren hatte. Rückblickend beschreibt sie ihren Krankheitsverlauf so: Was sich anfangs wie Kontrolle angefühlt hat, wurde mit der Zeit von der Krankheit bestimmt.
Die Krankheit bestimmte zunehmend ihren Alltag. Lena versuchte lange, ihre Situation zu verbergen: Sie trug weite Kleidung, aß häufig allein und kochte manchmal selbst für ihre Eltern, um die Kontrolle über Zutaten und Mengen zu behalten.

 

Die Situation wird lebensbedrohlich

Mehrere Momente haben sich Lena bis heute eingeprägt. Einer davon war ein Gespräch mit einer Psychiaterin. Wegen ihres niedrigen Gewichts durfte sie plötzlich nicht mehr zur Schule gehen und sich auch nicht mehr körperlich betätigen.
„Das war für mich in dem Moment das Allerschlimmste“, erinnert sie sich. Nicht einmal Spaziergänge waren noch erlaubt. Es gehört zu den Aufgaben der Ärzte, Gefahren zu erkennen und Grenzen aufzuzeigen, die Lena in diesem Moment erreicht hatte. Neben dem Schulverbot wäre jedoch für Lena gleichzeitig auch mehr und konkrete Hilfe wichtig gewesen, die sie in diesem Moment nicht erhielt.
Ein weiterer Tiefpunkt folgte kurze Zeit später. Bei einem Termin bei der Kinderärztin wurde die Situation so kritisch eingeschätzt, dass Lena in die Notaufnahme der Charité überwiesen wurde. Die Ärztin erklärte, sie könne nicht mehr verantworten, sie wieder nach zu Hause zu schicken.
Lena erinnert sich an diesen Moment sehr genau. Vor allem eine Angst war damals präsent: die Möglichkeit, stationär aufgenommen zu werden.
„Ich wollte auf gar keinen Fall in eine Klinik“, sagt sie heute.

 

Wenn Hilfe schwer zu finden ist

Für Lenas Eltern begann in dieser Zeit eine Phase großer Unsicherheit. Die Familie suchte Hilfe bei verschiedenen Ärztinnen und Ärzten, fühlte sich aber oft orientierungslos.
„Wir wurden immer von A nach B geschickt“, erinnert sich Lena.
Untersuchungen habe es zwar gegeben, auch ein Blutbild. Trotzdem fehlte lange eine klare Einschätzung der Situation und eine konkrete Behandlungsperspektive.
Heute sagt Lena, dass Anorexia nervosa früher erkannt werden müsse. Gerade Kinderärzt:innen, Hausärzt:innen, Lehrkräfte und Eltern könnten eine wichtige Rolle dabei spielen, erste Warnzeichen ernst zu nehmen.

 

Eine neue Chance zu Hause: die Familien-Basierte Therapie

Auf die Familien-Basierte Therapie wurde Lenas Mutter aufmerksam. In einem Online-Forum las sie von diesem Ansatz und stieß auf ein entsprechendes Angebot an der Charité. Zwei Wochen nach der Anfrage erhielt die Familie einen Behandlungsplatz im FBT-Programm.
Für Lena war entscheidend, dass sie zu Hause bleiben konnte. „Das war für mich in erster Linie sehr ansprechend“, sagt sie. Die Vorstellung, nicht von ihrer Familie getrennt zu werden, spielte für sie eine große Rolle.
Kurz vor Beginn der Behandlung hatte Lena ein Gespräch mit ihrem ältesten Bruder, das für sie zu einem entscheidenden Moment wurde. Der Druck, ihr Abitur trotz der Erkrankung weiterzuführen, war groß. Gemeinsam entschied die Familie schließlich, die Schule zunächst zu pausieren.
„Das war wie ein Wendepunkt“, erinnert sich Lena. Zum ersten Mal habe sie wieder gespürt, dass sie gesund werden wollte.

 

Therapie im Familienalltag

Die erste Phase der Familien-Basierten Therapie beschreibt Lena als sehr schwierig. In dieser Zeit ging es vor allem darum, den Körper zu stabilisieren: regelmäßig sowie ausreichend essen und Gewicht zunehmen – genau das, wovor die Erkrankung am meisten Angst machte.
Essen anzusehen oder Lebensmittel anzufassen fiel ihr zunächst extrem schwer. Besonders sogenannte „Fear Foods“ – also Lebensmittel, die viele Betroffene mit Anorexia nervosa besonders fürchten, etwa Schokolade, Sahnesaucen, Öl oder andere kalorienreiche Speisen – lösten starken Stress aus. „Die Küche zu betreten war mir damals gar nicht möglich, aufgrund von zu großer Angst“, erzählt Lena.
Geholfen habe, dass sie mit ihren Eltern klare Absprachen treffen konnte. Sie übergab ihnen die Verantwortung über die Mahlzeiten, während ihre Eltern bestimmte Vereinbarungen einhielten.
„Ich vertraue euch und gebe euch die Kontrolle ab“, beschreibt sie diese Phase.
Auch kleine Strategien halfen im Alltag: etwa eine Kiste mit Lebensmitteln, die sie Schritt für Schritt wieder anfassen sollte, oder Kühlpacks und Eiswürfel, die in akuten Stresssituationen halfen.
Wichtig waren außerdem die gemeinsamen Sitzungen mit der Therapeutin.
„Es war eine vierte Person da“, sagt Lena, „die einen guten Rahmen geschaffen hat.“

 

Familie, Fortschritte und Ausblick

Auch Lenas Brüder spielten eine Rolle. Einer sprach sie als erster auf ihr Essverhalten an, der andere wurde später – eher unbewusst – zum Auslöser für den inneren Wendepunkt.
„Ich kann zu hundert Prozent bestätigen, dass es die Beziehung gestärkt hat.“
Die Zeit sei extrem schwierig gewesen, sagt Lena. Rückblickend habe das gemeinsame Durchstehen der Situation die Familie aber enger zusammengeschweißt.
Lena ist heute 19 Jahre alt, hat ihr Abitur abgeschlossen und lebt weiterhin bei ihren Eltern. Ganz verschwunden ist die Essstörung nicht – in unsicheren Phasen können alte Gedanken wieder stärker werden. Trotzdem sagt sie, dass sie große Fortschritte gemacht hat und heute deutlich stabiler ist.

 

Eine Botschaft an andere Familien

Lena weiß, wie groß die Angst vor einer solchen Behandlung sein kann. Trotzdem möchte sie anderen Familien Mut machen.
„Man sollte sich trauen, das einfach zu versuchen“, sagt sie. Auch ihre Eltern hätten zwischendurch gezweifelt, ob sie das schaffen würden. Am Ende aber hätten sie die herausfordernde Zeit gemeinsam bewältigt.
Der Weg aus der Anorexia nervosa sei schwer – aber definitiv möglich.

 

Der Erfahrungsbericht von Clara und ihrer Mutter

„Ich glaube, ich habe auf Hilfe gewartet“


Zwischen Klinikalltag und Neubeginn: Wie Clara und ihre Mutter die stationäre multimodale Therapie (SMT) erlebt haben

Wenn Jugendliche an einer Essstörung erkranken, führt der Weg häufig in eine spezialisierte Klinik. Dort werden sie im Rahmen einer stationären multimodalen Therapie (SMT) behandelt – mit einem klar strukturierten Alltag, festen Essenszeiten und einem Team aus Ärzt:innen, Psychotherapeut:innen und weiteren Fachkräften.

Auch Clara kam über die FIAT-Studie in ein solches Setting. In der Studie wird per Zufall entschieden, ob die Behandlung stationär (SMT) oder familienbasiert (FBT – Familien-Basierte Therapie) erfolgt.
Bei Clara fiel die Zuteilung auf die stationäre Therapie. Für sie bedeutete das einen mehrmonatigen Klinikaufenthalt – eine Zeit, die Clara und ihre Mutter stark gefordert hat, aber auch vieles in Bewegung gebracht hat.
Heute ist Clara 15 Jahre alt. Sie geht zur Schule, trifft Freund:innen und beschreibt ihr Wohlbefinden als „8 bis 9 von 10“. Die Essstörung spielt in ihrem Alltag nur noch eine kleine Rolle.
Doch bis dahin war es ein langer Prozess.  


Als sich etwas veränderte

Nach dem Tod ihres Vaters geriet das Leben von Clara und ihrer Mutter aus dem Gleichgewicht. Der Verlust und die Zeit danach waren für beide von Trauer und Belastung geprägt. „Es war eine schwere Zeit für uns“, erinnert sich ihre Mutter.
In dieser Zeit begann Clara, mehr Sport zu machen, bewegte sich regelmäßig und achtete stärker auf ihren Körper. „Ich wollte einfach dünner sein“, sagt sie rückblickend.  
Im Alltag fiel das nicht sofort auf. Gemeinsame Mahlzeiten blieben bestehen, Routinen wirkten stabil. Doch nach und nach änderte sich etwas. Clara ließ Mahlzeiten aus oder verschob sie, begann sich stärker an eigenen Regeln zu orientieren.
„Irgendwann war es nicht mehr so, dass ich weiter abnehmen wollte“, sagt sie. „Ich wollte eher wieder zunehmen, damit die anderen sich nicht mehr so viel Stress machen.“
Dann ergänzt sie: „Aber ich konnte nicht mehr essen.“
Der Wunsch, gesund zu sein, war zwar da – aber er ließ sich nicht mehr umsetzen.


Die Sorge beginnt bei der Mutter

Claras Mutter bemerkte die Veränderungen früh. „Ich habe ganz früh gemerkt, dass da irgendwas im Busch ist“, sagt sie. Gleichzeitig war sie selbst stark belastet: verwitwet, alleinerziehend, beruflich eingebunden.
Sie begann, Hilfe zu suchen – und stieß schnell an Grenzen.
Telefonate, E-Mails, Anfragen – oft ohne Ergebnis. Termine wurden verschoben, Rückmeldungen blieben aus. „Ich habe überall angerufen“, sagt sie. „Und du kriegst einfach keine Hilfe.“ Zwischen Vollzeitjob als Juristin und der Verantwortung als alleinerziehende Mutter fühlte sie sich oft überfordert.
Diese Phase beschreibt sie als besonders schwer. „Du siehst dein Kind vor dir und merkst, es wird immer schlimmer – und du kommst einfach nicht weiter.“
Auch für Clara war diese Zeit schwer greifbar. Gleichzeitig verschlechterte sich ihr Zustand körperlich zunehmend: Sie fror ständig, war erschöpft, verlor Haare.
Die Angst vor dem Essen fühlte sich dabei nicht wie eine klassische Angst an. „Es war eher so ein Stoppschild im Kopf“, beschreibt sie. Dinge wie ein Stück Kuchen wurden zu etwas, das sich nicht überwinden ließ – obwohl sie es eigentlich wollte.


Klinik und erste Veränderungen

Als Claras Zustand sich weiter verschlechterte, wurde klar: Es braucht jetzt eine klare Entscheidung. Sie wurde zunächst auf eine pädiatrische, also Kinder-Station aufgenommen, kurz darauf kam die FIAT-Studie ins Gespräch und Clara und ihre Mutter entschieden, teilzunehmen.
Die zufällige Zuteilung ergab die stationäre Behandlung. Für Clara war das schwer. „Ich wollte unbedingt in den anderen Studien-Arm“, sagt sie.
Der Start in der Klinik war eine große Herausforderung. Die Trennung von ihrer Mutter fiel ihr besonders schwer, die ersten Wochen beschreibt sie als „die schlimmsten überhaupt“.
Auch für ihre Mutter war es eine Ausnahmesituation. Sie musste ihre Tochter im Krankenhaus lassen, obwohl diese sie gerne bei sich gehabt hätte – und gleichzeitig darauf vertrauen, dass es der richtige Schritt ist. Ein Satz eines Arztes ist ihr aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben: „Vertrauen Sie uns.“
Nach einigen Wochen begann sich langsam etwas zu verändern. Clara lernte andere Jugendliche kennen, fand Anschluss, begann sich zu öffnen.
„Das Reden mit den anderen war total wichtig“, sagt sie. „Ich glaube, ohne das hätte ich es nicht geschafft.“
Der strukturierte Alltag – mit festen Essenszeiten, Therapien und klaren Abläufen – wurde mit der Zeit zu einem hilfreichen Anker.
Rückblickend beschreibt Clara diesen Wendepunkt so: „Ich habe das Gefühl, ich habe auf Hilfe gewartet.“
Das Essen selbst war für sie nicht immer das größte Hindernis. Schwieriger war es, die eigenen Gedanken zu verändern. „Das Wichtigste war, Hilfe anzunehmen – und gedanklich mitzuarbeiten.“


Zurück im Alltag

Nach etwa sechs Monaten kam Clara nach Hause. In der Klinik hatte vieles funktioniert – aber wie würde es sich im Alltag anfühlen?
Die ersten Stunden gaben eine erste Antwort. Es war noch ungewohnt, aber gleichzeitig erstaunlich ruhig. Mutter und Tochter merkten schnell, dass es funktionieren kann.
Clara hielt sich zunächst an den Plan, den sie aus der Klinik kannte. Mit der Zeit wurde das Essen freier, weniger streng geregelt. Auch im Umgang miteinander veränderte sich etwas: Die Mutter zog sich Schritt für Schritt zurück, während Clara nach und nach wieder mehr Verantwortung für ihren Umgang mit Essen und ihren Alltag übernahm.
Natürlich lief nicht alles sofort reibungslos. Manche Situationen brauchten Zeit, manches musste sich erst einspielen. Doch nach und nach wurde der Alltag wieder normaler – nicht perfekt, aber deutlich stabiler als zuvor.


Ein Blick zurück – und nach vorn

Rückblickend wird deutlich, wie entscheidend der Zugang zu Unterstützung war – und wie schwierig dieser zunächst sein kann. Die Phase vor Beginn der Behandlung war für beide besonders fordernd.
Ganz verschwunden ist die Essstörung nicht. In bestimmten Situationen tauchen Gedanken noch auf. Auch Erinnerungen bleiben – bei beiden.
Aber sie bestimmen das Leben nicht mehr.
Clara ist wieder mitten in ihrem Alltag. Sie fühlt sich stabiler, offener, freier. Auch die Beziehung zu ihrer Mutter hat sich verändert – sie sprechen mehr miteinander und verstehen sich besser.
„Ohne Hilfe hätten wir es nicht geschafft“, sagt ihre Mutter.
Und am Ende beschreibt sie die Situation ihrer Tochter ganz einfach: Clara isst wieder „mit Lust und Appetit“.

 

In wenigen Schritten zur
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